»Mein Bienenvolk, wie geht es Dir im Oktober?»


   

«Im Oktober ist das Wintervolk beisammen. Brut, die noch gepflegt wird, und welche in der kommenden Zeit noch schlüpft, hat keinen nennenswerten Einfluss mehr auf die Volksstärke. Es werden lediglich noch Bienen abgehen, denn wir sind noch nicht ganz auf der idealen Überwinterungs-grösse. Wir sammeln noch Pollen und auch Nektar, so beispielsweise wenn der Efeu süsslich zu riechen beginnt. Da kann auch etwas zusammenkommen. Man muss sich aber keine Sorgen machen, dass der Brutbereich vor lauter Honig eingeschränkt wird, denn wir sind nicht mehr in einer kraftvollen Trachtbereitschaft und längst nicht alle Bienen fliegen auch aus. Auch die Winterbienen mit ihrer geringen Tätigkeit zeigen die kommende Winterszeit an. Dass der Mensch kaum mehr auftaucht, ist mir recht so. Dadurch wird der Oktober zu einem der ruhigsten Monate überhaupt.

  

»Eine generelle Frage: «Welche für die Bienen optimale Landschaft wünschest Du Dir?»

 

«Bevor ich darauf eingehe, was ich brauche, möchte ich gerne darauf hinweisen, was ich zu bieten habe. Meine Aufgabe ist es, die Umgebung in meinem Flugradius zu beleben. Auf unseren Flügen sind wir aufmerksam für Düfte und Farben, insbesondere von Blüten. Von diesem Bestäubungsprozess profitiert auch der Mensch mehrfach: Zum einen rein physisch, weil Samen und Früchte entstehen, die er vielseitig verwertet und als Nahrung zu sich nimmt. Doch es gibt noch viele Andere, die sich um die Belebung der Landschaft und die Blüten kümmern. Das sind nicht etwa unsere Konkurrenten, sondern vielmehr unsere Partner. Viele dieser Partner kämpfen heute ums Überleben. Das müsste ich auch, wenn ich nicht vom Menschen unterstützt würde. So komme ich mir in dieser Aufgabe heute oftmals einsam vor. Ich versuche mein Bestes zu geben, aber es fehlen viele Andere, welche diese Aufgabe mit mir teilen. Die Schmetterlinge wurden dezimiert, die Waldameisen verdrängt, die Wildbienen finden keinen Brutraum! Auch die Vogelwelt wird zunehmend eintöniger. Wenn ich dann eine solche Landschaft beleben soll, ist das eine Herkulesaufgabe, die ich kaum erfüllen kann. Ob es sich um Teer-, Beton-, Wasserflächen oder modernes um Grünland oder Äcker handelt, ich bin machtlos. Dies ist alles Niemandsland für Bienen. Ich alleine kann nichts ausrichten und die Partnerschaft anderer Tiere, all diese belebende Vielfalt, sie fehlt. Für mich bedeutet das, Isolation. Deshalb ist es mir wichtig, dass sich der Mensch um die Vitalität und Vielfältigkeit einer Landschaft kümmert. Auch wenn er diese Vitalität selber nicht erkennen kann, so ist doch die Artenvielfalt bei Pflanzen und Tieren ein messbares Zeichen für die Vitalität. Vielfalt in der Gestaltung kann viel Raum für Blütenpflanzen erzeugen. Gestalterisch belebende Landschaftselemente bieten besondere Lebensräume für Pflanzen und Tiere. Hecken, magere Kleinflächen, offene Wälder, Auen, das sind nur ein paar Beispiele für Naturelemente, die immer auch spezielle Blütenpflanzen und ihre Begleitfauna fördern. Die Förderung dieser Vielfalt ist der erste Schritt, um mir zu helfen und meiner zunehmenden Vereinsamung zu begegnen. Ob man Verlorenes wiederbeleben kann, sei dahingestellt. Doch ich sehe, wie man sich vielerorts bemüht, mir und meinen Verwandten Lebensraum zur Verfügung zu stellen.»  

  

«Würde Dir eine speziell auf Deine Bedürfnisse angelegte Bienenweide nützen?»

  

«Was mich und meine Ernährung als Bienenvolk betrifft, kann ich auch in der bestehenden Landschaft vom Pollen her gesehen einigermassen leben. Zwar wünsche ich mir eine grössere Vielfalt, aber Pollen ist selten ein begrenzender Faktor. Pollen kann von Hunderten von Pflanzenarten gesammelt werden. Anders sieht es bei den Nektarlieferanten aus. Davon gibt es nicht so viele Arten. Dabei fehlt es weniger an einzelnen Nektar spendenden Pflanzen, sondern an der Quantität der Pflanzen und Blüten. Es braucht Hunderttausende von Blüten, um nur 100g Winterfutter zu erarbeiten. Ich bin ein Tier, das mit grosser Findigkeit Nektarquellen weit herum in der Landschaft aufspürt und diese dann rasch ausschöpfen kann. Mit unserer internen Kommunikation können wir in Kürze viele Bienen mobilisieren. Das Ausnutzen einer Massentracht ist unsere eigentliche Spezialität, das haben wir seit jeher perfektioniert. Wo diese Masse an Nektar spendenden Pflanzen steht, ob die Pflanzen weit herum um den Stock verteilt sind oder eng auf einem Acker zusammenstehen, ist uns egal. Wir finden sie und freuen uns an einem ausgiebigen Nektartrunk aus den Blüten. Insbesondere, wenn dieser Nektar zu einer Zeit eingebracht werden kann, in der er zusammen mit dem Winterfutter im Brutraum gelagert werden kann und so auch wirklich uns zugute kommt. Doch man muss sich im Klaren sein, dass heutzutage in der Schweiz viel Honig von Kulturpflanzen stammt. Diese, wenn auch nur kurzzeitig blühenden Felder, sind zu einem Träger meiner Nektarversorgung geworden. Ein anderer sind Bäume und Büsche mit grosser Blütenfülle, wie Weide, Ahorn oder Linde, die oftmals in der Landschaft verstreut stehen. Ausser diesen beiden Hauptnektarquellen gibt es auch in den Bergen noch attraktive Trachtlagen mit vielfältigen, Nektar spendenden Wiesenpflanzen. Aber auch die Städte erzeugen durch die Aktivität der Menschen und die gespeicherte Sonneneinstrahlung ein warmes Stadtklima. Das behagt mir ebenso wie den verschiedensten exotischen Pflanzen, die hier leben. Abgesehen davon gibt es in weiten Teilen der Schweiz ab Juni keine Nektarpflanzen mehr, die meine Selbstversorgung unterstützen würden. Da würde mir eine späte Tracht von extra für mich angebauten Ackerpflanzen gefallen. Es wäre mir vor allem dann geholfen, wenn diese weit herum im Land verteilt wären.»

  

 

Martin Dettli führte diesen Diskurs mit dem Bienenvolk