«Mein Bienenvolk, wie geht es Dir im November?»

«Jetzt kehrt Ruhe ein. Die Aktivitäten haben stark nachgelassen. Der Kontakt mit der Landschaft beschränkt sich auf ein Minimum, es gibt kaum mehr Blumen, die es sich zu besuchen lohnt. Völker mit einer gesunden Volksgrösse haben die Brut ganz eingestellt oder auf die Grösse eines Apfels reduziert. Im Zentrum der Bienentraube kann diese wenige Brut einfach mit Wärme versorgt werden. Wann wir mit der Brut gar aufhören, ist nicht vorgegeben; die einen tun dies im November für einen Monat, die andern im Dezember nur kurz. Jedes Volk macht Brutpause, aber wir kennen da keine Regel oder Koordination untereinander. Die drei Monate, November, Dezember und Januar, sind unsere Winterruhe, es ist unser ‹Schlaf›. Der Mensch schläft jede Nacht, der Tagesgang gibt den Rhythmus. Der Schlaf des Bienenvolks richtet sich hingegen nach der Jahreszeit. Wir wiegen uns in der Wintertraube, teilen die wenige Heizarbeit, indem wir die Bienenmasse rhythmisch und langsam von innen nach aussen wechseln. Wir sind in einer andern Welt, in unserer Traumwelt. In dieser Zeit wünschen wir keine Störung.»  

«Was kann die Imkerschaft dazu beitragen?»

«Der Imker soll die Voraussetzungen zur Ruhe schaffen. Als Schutz vor Mäusen braucht es ein Gitter oder einen tief gestellten Fluglochschieber. Es ist auch wichtig, dass das Raumklima stimmt. Zum einen brauchen wir genug Luft, auch kalte Luft ist kein Problem. Deshalb soll das Flugloch auf voller Breite offen und der Gitterboden nicht durch eine Unterlage zugedeckt sein. Wirklich unangenehm ist eine Unterlage unter dem Gitterboden, welche nicht jede Woche gereinigt wird, denn all unser Gemüll beginnt da zu schimmeln und zu gären. Wir können uns so ohne Zugriff kaum gegen die schlechte Luft wehren.»  

«Und unsere Winterbehandlung gegen die Varroamilbe?»

«Zum Problem der Varroamilben habe ich mich im Juli ausführlich geäussert. Die ganzen Behandlungen sind nicht eine Unterstützung des Bienenvolkes, sondern eine Massnahme zur Erhaltung der aktuellen Art der imkerlichen Bienenhaltung. Nehmen wir mal an, es wäre für Dich unumgänglich, einen Menschen mitten in der Nacht zu wecken. Dann würdest Du Dich zuerst entschuldigen für die Störung! Das würde mir auch gefallen, einen freundlichen Umgang schätze ich. Wenn ich dann schon geplagt werden soll, dann bitte frag jetzt nicht, ob ich lieber mit Säure übergossen, besprüht oder eingenebelt werde! Es ist die Säure, die für mich belastend wirkt, die Art und Weise ist zweitrangig.»  

«Für die Imkerschaft sind der November und Dezember die Zeit der Bienenprodukte. In der Zeit, in der Du schläfst, sind die Bienenprodukte am meisten begehrt, hat das einen Zusammenhang?»

«Wir ruhen in der Zeit, in der sich das Licht am weitesten aus unserer Welt zurückzieht. Auch der Mensch spürt diesen Rückzug des Lichtes. Indem der Mensch etwas vom Bienenvolk nimmt, ermöglicht er sich und andern Menschen, an der Welt des Bienenvolkes teilzuhaben. Die Produkte aus unserem Volk sind für den Menschen eine Chance, an eine Qualität zu gelangen, die nur vom Bienenvolk erbracht werden kann. Das Bienenvolk ist ein Wesen, welches eng mit dem Himmel und mit Licht und Wärme der Sonne verbunden ist. Wir vermeiden den Kontakt mit der Erde und leben in einer hängenden Form mit unserem Wabenkörper. Wir wünschen uns eine schützende Hülle – wenn möglich in der Höhe – und ernähren uns ausschliesslich aus den erdfernsten Teilen der Pflanze: der Blüte. Der Nektar, den die Pflanze dem Bienenvolk anbietet, ist eine Substanz, die kaum etwas mit der Erde zu tun hat und erst gerade Stunden zuvor überhaupt aus Licht, Luft und Wasser entstanden ist. Wir erstellen daraus den Honig, der damit etwas wie festgewordenes Licht ist. Das eingefangene Licht ist deshalb eine herausragende Honigqualität. Aus derselben Kraft heraus entsteht auch das Wachs, wenn wir den frischen Nektar in unserem Körper weiterverarbeiten und daraus unseren Wabenkörper bilden. Um aber diese Qualitäten von Licht und Wärme zu erhalten, müssen wir auch ganz im Dunkeln in unserer Behausung leben. Das sind die Gegensätze, aus deren Spannung wir leben. Und aus diesen Lebensgrundlagen wird auch klar, warum der Mensch in der Zeit des abnehmenden Lichtes am meisten nach unseren Produkten begehrt. Der Genuss von Honig ersetzt ihm in dieser Zeit etwas vom schwindenden Licht und das Anzünden einer Bienenwachskerze setzt dieses gespeicherte Sonnenlicht wieder frei und bringt in einmaliger Weise die Stimmung des Bienenvolkes in die Stube. In diesem Sinne helfen wir dem Menschen, die dunkle Zeit besser zu überstehen. Die Bienenprodukte sind wichtig für die Pflege der Atmosphäre und der Seele. Sie könnten umgekehrt bestimmt auch für die Pflege des Körpers eingesetzt werden.»  


«In Bezug auf die Körperpflege würde mich das Propolis inter­essieren.»

«Das Propolis hat beim Bienenvolk vielfältige Funktionen. Es ist ein zentrales Element unseres Immunsystems. Alle Oberflächen des Bienenvolkes werden laufend mit Propolis desinfiziert, das Wachs, die Wände und auch unsere Bienenkörper. Mit seiner lebenshemmenden Wirkung gegenüber allen Keimen hilft es uns, Bakterien, Pilze und Viren zu kontrollieren, welche sich im Zusammenhang mit unserer Körperwärme rasch vermehren würden. Darüber hinaus hilft es uns, eine weitere Abgrenzung gegen die Umwelt zu schaffen, indem unsere Behausung gegenüber Wind und Wetter und gegenüber Eindringlingen abgedichtet werden kann. Es hilft uns bei der Abwehr – letztlich nicht unähnlich dem Bienengift. Der Mensch muss die Anwendung des Propolis für sich selber finden, doch hat er mit der Wärme seines Körpers ähnliche Probleme der Abgrenzung gegenüber Keimen. Wenn der Mensch das Propolis folglich so anwendet, wie wir es tun, dann wird er damit die Haut pflegen, die Wunden, Infekte, Erkrankungen der Haut durch Viren und Pilze, innen wie aussen.»  


«Die Bienenprodukte sind ein Teil von Dir. Wie ist es, wenn der Mensch sich ihrer bedient?»

«Dies ist eine Frage der Einstellung mir gegenüber. Wenn sich der Mensch gelegentlich, ohne zu fragen und ohne Rücksicht bei mir bedient, so schmerzt das. Ich bin jedoch der Überzeugung, dass wir in einer gerechten Partnerschaft einander viel geben können. Ich erwarte dabei aber auch das Eingehen auf meine Grundbedürfnisse und die Achtung als ein wirkliches Gegenüber. Das ist eine Frage der Würde. Der Respekt gegenüber meiner Würde soll nicht zur Bürde der Imkersleute werden. Dieser Respekt ist nicht verhandelbar, er soll aus einer Überzeugung kommen. Dann ist er ein Geschenk mir gegenüber.»  

Martin Dettli führte diesen Diskurs mit dem Bienenvolk.