«Mein Bienenvolk,

wie geht es Dir im Mai?»

«Als Bienenvolk freue ich mich im Mai an der zunehmenden Wärme, der vollen Frühlingsblüte und der Üppigkeit im Bienenkasten. Jetzt haben wir alles im Überfluss, was das Bienenleben ausmacht: Viel Vorrat an Honig, reichlich Pollen auf Lager und mit dem vollen Brutgeschehen sind wir ein richtiges Sommervolk mit vielen Bienen und genug Drohnen. Das ist ein Leben aus der Fülle und dieser Reichtum ist für uns das Zeichen zur Vermehrung! Unsere neuen Königinnen werden aus diesem Überfluss heraus aufgezogen und so kommen wir ins Schwärmen. Wir erheben uns mit der alten oder später den jungen Königinnen. Wir teilen uns. Aus unserer vormaligen Einheit entstehen verschiedene neue Volksteile mit unterschiedlicher Ausgangslage.»

«Was bedeutet Dir das Schwärmen?»

«Das Schwärmen selbst ist für uns ein grossartiges Ereignis. Ein Festakt, der schon Tage zuvor vorbereitet wird. Wenn dann die Bedingungen stimmen und der grosse Tag gekommen ist, wächst die Nervosität im ganzen Volk. Wir können kaum mehr warten, bis das Signal zum Aufbruch ertönt, zusammen mit all den andern hinauszuströmen und sich in den Himmel zu erheben, der Sonne entgegnen. Auch die Zurückbleibenden nehmen an diesem Ereignis teil. Der Abschied von den Brüdern und Schwestern, von den Waben und dem Vorrat fällt in diesem gemeinsamen Freudentaumel nicht schwer. Nach dem Aufbruch kommt die erste Sammlung in der Schwarmtraube und wir werden ruhig. Das sind die Konzentration nach der Ausweitung und der Geburtsmoment des neuen Volkes. Diese Lebensfreude beim Aufbruch ist für die ganze Umgebung spürbar. Auch die Menschen geraten ins Staunen und freuen sich an dem Ereignis.

«Imkersleute sind gelegentlich skeptisch. Zum einen fürchten sie, das sie den Schwarm nicht fangen können, zum andern hätten sie gerne Völker, die zusammenbleiben, um Honig zu ernten. Was können sie machen, wenn sie viele Bienenvölker zusammenhalten wollen?»

«Schwärmen ist zwar etwas Schönes, aber keineswegs unser einziges Ziel. Wir sehen durchaus ein, dass das Zusammenbleiben auch ein mögliches Ziel ist und deshalb werden nie alle Völker schwärmen. Je nach Konstellation sind dies auch nur wenige. Denn all das sind Varianten der Vielfalt: nicht schwärmende Völker, der Vorschwarm, der Nachschwarm und das Restvolk. Das Vollvolk hat seine Qualitäten und wir bleiben gerne zusammen und konzentrieren uns auf die Vorräte. Gerade die Raumanpassung ist dabei zentral, denn einer der wichtigsten Auslöser ist die Begrenzung der Ausdehnung des Brutnestes. Wird es uns zu eng, dann leiten wir das Schwarmgeschehen ein. Die Auslösung des Schwarmgeschehens kommt nicht von einem auf den andern Tag. Das gibt in unserer Volksgemeinschaft immer viele Diskussionen zwischen unterschiedlichen Volksteilen. Die einen sind dafür und stacheln die Königin an, Eier in die Näpfchen zu legen. Die andern sind dagegen, sie räumen die Näpfchen wieder aus. Das ist ein mehrtägiger Prozess, der durch imkerliche Massnahmen beeinflusst werden kann. Schluss mit den Diskussionen ist erst, wenn die erste Königinnenlarve im Näpfchen liegt. Dann ist der Entscheid gefallen, dann beginnen wir mit der Vorbereitung auf das grosse Ereignis. Was ich als eine für Mensch und Bienenvolk unwürdige Situation empfinde, ist das Ausbrechen von Königinnenzellen. Denn das ist für uns kein Abbruch der Schwarmvorbereitung, wir bleiben auf der Spur. Auch für den Menschen ist es mühsam, diese Arbeit zwei-, dreimal zu wiederholen. Für uns ist dies ein unangenehmer Zwischenzustand. Es gibt genug Möglichkeiten, das Schwärmen in Würde zu mindern. Ganz zu verhindern wird hoffentlich niemals gelingen, denn das wäre gegen unsere Natur. Die Vermehrung aus dem Schwarmtrieb gehört genauso zum elementaren Wesen des Bienenvolkes wie das Honigsammeln. Das wird uns nie einer austreiben können, sonst wären wir keine Bienenvölker mehr.»

«Die Imkersleute haben ein gespaltenes Verhältnis zur Vermehrung über den Schwarmtrieb»

«Was soll denn nicht gut sein an der volkseigenen Vermehrung? Wenn der Imker im Frühling seine Völker selektioniert, dann sind das doch alles gute Völker, die wenig vitalen wurden aufgelöst. Es sind Völker von unterschiedlicher Grösse, mit unterschiedlichem Honigvorrat, weil das eine Volk früher und das andere später dran ist. Warum sollen diese sich nicht eignen zur Vermehrung? Der Schwarmtrieb ist ein natürlicher Vorgang. Wenn das Schwärmen nicht zugelassen werden kann, dann gibt es immer noch Möglichkeiten, den volkseigenen Vermehrungswunsch imkerlich zu nutzen. Das ist nicht so schön wie Schwärmen, aber durchaus zweckmässig. Die Imkerin oder der Imker kann mit der alten Königin einen Vorschwarm machen und mit dem Restvolk dann eine Woche später eigentliche Nachschwarmableger. Auch ein abgeschwärmtes Volk kann in Ableger zerlegt werden, bevor der erste Nachschwarm herauskommt. Dieses Vorgehen ist eine Möglichkeit, mit dem auftretenden Schwarmtrieb in Würde umzugehen. Es nimmt den Vermehrungsimpuls auf und es berücksichtigt, dass unsere Jungvölker aus dem Muttervolk herauswachsen können.»

«Was für Vorteile soll denn das haben?»

«Wir haben schon darüber gesprochen, dass wir Bienenvölker möglichst verschieden sein wollen. Das heisst, dass jedes Bienenvolk für sich auch etwas ausprobieren will. Auf diese Weise kommt Vielfalt zustande. Für die Weiterentwicklung des Bienenvolks, das heisst, die Anpassung an den Standort, die Natur und den imkerlichen Betrieb, macht dies aber nur Sinn, wenn durch dieses Ausprobieren kleine Erfahrungen weitergegeben werden können. Diese Eigenheiten im Verhalten sind in den Völkern gespeichert, genau genommen in der Gemeinschaft der Bienen. Das hat mit der Königin nur insofern etwas zu tun, als sie ein Teil dieses Volkes ist. Die Königin hat keine Befehlsgewalt, noch bestimmt ihr Erbgut das Verhalten auf der Erfahrungsebene. Diese Erfahrungswerte sind im Volksganzen verankert und werden in jedem der daraus entstehenden Teilvölkern weitergegeben. Das sind Werte unserer Familientradition. Deshalb ist für unsere Anpassung die Vermehrung innerhalb der Volksfamilie so wichtig. Unsere Nachkommen sind Schwärme oder allenfalls Ableger mit einer Königin, die vollständig aus dem vermehrungswilligen Muttervolk heraus geboren werden. So kann über die natürliche Vermehrung eine Anpassung hin zu einer lokalen und regionalen Biene erfolgen, von Völkern, die sich an die Bedingungen des Ortes anpassen. Ob das für die Imkersleute wichtig ist oder nicht, muss jede Imkerin und jeder Imker selber entschieden. Als Bienenvolk ziehen wir es vor, unsere Nachkommenschaft aus der Fülle und Freude des Frühlings heranziehen zu können, denn die Zucht einer Königin aus der Not und der Angst hat eine andere Qualität.»

  

Martin Dettli führte diesen Diskurs mit dem Bienenvolk.