«Mein Bienenvolk,

wie geht es Dir im März?»

«Der März ist die Zeit der frühen Blüten. Auch wenn das Wetter noch keinen konstanten Flug erlaubt, so kann ich doch öfters mit meinen Blüten in Kontakt treten. Dieser Kontakt ist mir das Wichtigste im Leben. Blüten sind mein Leben. Die Blüte öffnet sich für uns, wir können in die Farben und den Geruch der Blüten eintauchen. Das ganze Volk lebt diesen Kontakt mit. Dabei geht es nicht einfach nur um Nahrung. Das ist zwar ein wichtiger Aspekt, denn aus der Blütenfülle schöpfen wir den ersten Nektar und sammeln auch den aufbauenden Pollen. Doch die Blüte ist mehr als Nahrung, die Blüte ist Lebensfreude, ist Licht und Farbe, Duft und Reichtum und sie gibt uns Lebenskraft – mehr als alles andere. Die Blüte ist das wichtigste Gegenüber für das Bienenvolk. Sie gibt uns das Leben und umgekehrt geben wir der Pflanze den Impuls für die Vermehrung. Das ist eine ganz enge Verbindung.»

«Wie erlebst Du im März die Verbindung zum Menschen?»

«Der Mensch kommt im März interessiert und offen auf uns zu. Er begegnet uns mit viel Aufmerksamkeit und Liebe und allein schon unsere Pollenträgerinnen lösen bei ihm gute Gefühle aus, denn sie sind der Beweis, dass wir mit den ersten Blüten in Kontakt stehen. Ich nehme den Menschen in dieser Zeit als aufnahmefähiges, interessiertes Wesen wahr, er freut sich an so grundlegenden Lebensäusserungen wie dem Bienengesumm, er hört zu! Er schaut auf das Flugloch, unser Tor zur Welt, er beobachtet und ist einfach nur da. In diesen Momenten sind Mensch und Bienenvolk eins. Es ist die Zeit des ungezwungenen Zusammenseins ohne Eingriffe. Für das Bienenvolk – und ich hoffe auch für den Menschen – ist dies eine der schönsten Phasen im Jahresverlauf. Ich wünschte mir auch in späteren Monaten etwas mehr Begegnung und Gelassenheit.»

«Du schätzest den Menschen vor allem im ruhigen und friedlichen Zusammensein. Möchtest Du denn von ihm am liebsten einfach in Ruhe gelassen werden?»

«So pauschal würde ich das nicht sagen. Doch ich schätze denjenigen Menschen, der uns begrüsst und mit uns zusammen ist, der sich auf eine Begegnung mit uns einlässt. Für mich ist auch wichtig, dass er aufmerksam beobachtet und sich um Problemvölker kümmert. Dazu müssen nicht alle Völker geöffnet werden, stehen wir doch jetzt in einer hochsensiblen Phase des Brutnestaufbaues. Jetzt kommt es darauf an, dass wir unsere Kräfte mobilisieren, um später aus der vollen Frühlingsblüte schöpfen zu können. In den kommenden Wochen wird der Wechsel vom Winter- zum Sommervolk angelegt. Die alten Winterbienen müssen bald ersetzt werden.»

«Zu den Aufgaben des Imkers im frühen Frühling gehört es, schwache Völker aufzulösen oder zu vereinigen. Was hältst Du davon?»

«Da kann ich nicht einfach mit ‹dafür› oder ‹dagegen› antworten. Man muss etwas die Hintergründe verstehen, aus unserem Leben in der Natur und aus meiner Art, zu sein. In unserer früheren Entwicklung war die Natur unsere Gestalterin. Sie hat eine grosszügige und eine harte, unerbittliche Seite: Wer keine rechte Behausung fand oder wer zu wenig Winterfutter zusammenbrachte, aber auch wer zu gross war und das Winterfutter allzu rasch verbrauchte, für den gab es kein Überleben. Die Natur ist jedoch auch recht launisch. Denn was in einem Jahr passte, das war in einem andern Jahr ungenügend. Jedes Jahr ist eigen, so ist es auch heute noch! Diesen Launen der Natur begegnen wir mit unserer Vielfalt. Wir versuchen immer vielfältig und verschieden zu sein, mal klein mal gross, mal sparsam mal grosszügig. Wir setzen den Launen der Natur verschiedene Verhaltensweisen und Volksgrössen entgegen, das liegt in unserem Wesen. Jetzt müssen wir schauen, was in unserer heutigen Zeit passiert mit dem Bienenvolk. Die Bienenvölker werden nach Belieben vermehrt, jedem Bienenvolk wird noch irgendwie über die Runden geholfen, denn mit der Auffütterung wird unsere wichtigste Naturselektion ausser Kraft gesetzt, ebenso mit verschiedenen Behandlungen. Jedes Bienenvolk kann überleben und niemand schaut hin, ob es auch wirklich gesund und vor allem vital ist! Wir Bienenvölker erleben Vitalität als unsere Lebenskraft, doch der Mensch kann damit nicht recht umgehen. Er kann sie nicht messen und nur indirekt bestimmen! Wenn die Selektion der Natur ausser Kraft gesetzt wird, dann ist es in der imkerlichen Bienenhaltung die Pflicht des Menschen, eine Auslese zu treffen, denn in jeder sich entwickelnden Population gibt es immer einen Teil, welcher nicht lebenswert ist. Das sind Völker, welche Krankheiten tragen oder kaum Vitalität besitzen. Einfach nur nach Volksstärke zu urteilen, ist unzureichend. Von der Vielfalt im Verhalten muss immer ein Teil abgeschnitten werden. Gerade im Frühling ist ein guter Zeitpunkt dazu. Der Mensch muss sich darin schulen, Vitalität zu beobachten, damit er eine Auslese treffen kann. Für uns als Bienenvolk unter der Hand des Menschen ist es wichtig, dass eine Auslese betrieben wird, denn wir wollen gesund sein und eine gesunde Nachbarschaft haben.»

Martin Dettli führte diesen Diskurs mit dem Bienenvolk.