«Mein Bienenvolk,

wie geht es Dir im Juni?»

«Im Juni ist die Zeit der Vollentwicklung, da ist unser Bienenkasten voller Bienen. Jetzt können wir zupacken, wenn sich die Blüten öffnen. Doch das Problem ist, dass in der Landschaft nun gar nicht mehr viele Blüten zu finden sind. Jetzt, auf dem Höhepunkt unserer Volksgrösse, finden wir kaum mehr Tracht. Ich kann allerdings durchaus mehrere Wochen lang ohne Blüten leben, dafür halte ich Vorräte und überbrücke damit trachtarme Zeiten. Wenn diese Zeiten regelmässig und ausgeprägt sind, wie hier im Winter oder bei meinen Geschwistervölkern in der Wüste im Sommer, dann schalte ich auf Sparbetrieb um und reduziere die Volksgrösse. So verbrauche ich mit einer kleinen Volksgrösse nur noch minimal Futter. In einem trachtlosen Sommer hingegen komme ich mir vor wie ein Dinosaurier, der sich nicht an veränderte Umweltbedingungen anpassen kann. Ich bin dann wie ein Fremdkörper in der blütenarmen Welt. Es kann zwar noch eine Honigtautracht geben, da packe ich auch gerne zu. Diese war schon immer eine Stütze für das Winterfutter, auch wenn sie für uns nicht mit der Qualität von Blütennektar zu vergleichen ist.»

«Was sagst Du zur Ernte des Frühlingshonigs?»

«Wir haben bereits über die Partnerschaft von Mensch und Bienenvolk gesprochen. Wir sind voneinander abhängig und der Mensch soll etwas bekommen für die Auseinandersetzung und die Arbeit mit dem Bienenvolk. Doch bin ich der Meinung, dass der Frühlingshonig vom Menschen so entnommen werden soll, dass für uns immer und grundsätzlich genug Vorrat bleibt. Was da gerecht ist, ist Ermessensfrage. Unrecht ist sicher, wenn der Mensch meint, Zuckerwasser wäre für das Bienenvolk schon gut genug. Wie der Mensch ziehen auch wir den duftenden und erbauenden Honig dem Zuckerwasser vor. Wenn diese Vorräte plötzlich weggenommen werden und wir mit Zuckerwasser abgespeist werden, ist das nicht süss, sondern bitter. Für uns ist es wichtig, dass man uns im blütenarmen Sommer viel Honig lässt. Sollten wir ihn nicht brauchen, so kann er später immer noch entnommen werden.»

«Wir haben vereinbart, dass wir jetzt im Juni etwas ausführlicher auf den Wabenbau zu sprechen kommen ...»

«Die Wachsproduktion und der Wabenbau gehören zu meinen herausragenden Fähigkeiten. Die Waben sind mir besonders wichtig, weil sie ein Teil von mir sind. Sie sind ein Organ mit vielfältiger Funktion, ein Körperteil im engeren Sinne, denn das Wachs wird von uns nicht nur produziert, sondern auch verarbeitet und zu Waben gestaltet. Der Wabenbau ist unser wichtigstes und vielseitigstes Organ. Er ist unser Rückgrat, unser Skelett. Erst der Wabenbau gibt dem Volkskörper eine räumliche Struktur und den entsprechenden Halt. Er ist die Festigkeit in unserm Leben und die Arbeitsoberfläche, aber auch der Ruheraum. Wir verbringen den grössten Teil unseres Lebens auf dieser Wabenfläche und die Kindheit auch in der Wabe drin. Alles, was wir haben, lagern wir in den Zellen ein. Die Wabe ist damit auch ein grosses Speicherorgan. Ich möchte hier nicht alle Funktionen erläutern, ich will bloss zeigen, dass die Waben ein Teil des Volkskörpers sind. Der Aufbau der Waben, ihre Architektur mit der Platzierung des Drohnenwabenbaues ist bei jedem Bienenvolk verschieden.»

«In welchem Wabenbau lebst Du am liebsten?»

«Als Schwarm habe ich gerne neuen Wabenbau, der für mein zukünftiges Volksleben halten soll. Ich schätze es, wenn meine Baulust als Schwarm anerkannt wird und mir keine ausgebauten Waben zugemutet werden. Als Jungvolk geht es mir ähnlich, ich habe zwei, drei Jahre Volksleben vor mir und dazu am liebsten alles neue Waben für diese Lebenszeit. Wenn ich schon die Gelegenheit habe, mit dem Imker zu sprechen, dann erkläre ich ihm auch gerne meine Vorzüge im Bezug auf den Wabenbau. Wenn ich meinen neuen Wabenbau in einer Baumhöhle erstelle, dann schliessen die Waben oben an der Decke an und es entsteht ein stabiler Wabenbau. Da gibt’s dann für die Imker nichts zu rütteln und wenig nachzusehen, das ist meine natürlichste und ungestörteste Lebensweise. Jetzt, unter imkerlicher Hand, gibt es seit den letzten 150 Jahren den mobilen Wabenbau, und ich verstehe sehr wohl, dass dieser viele Möglichkeiten bietet. Ich bin auch nicht dagegen. Doch innerhalb dieses mobilen Wabenbaus gibt es auch Unterschiede, zum Beispiel der Betrieb mit Mittelwänden oder der Naturbau im mobilen Rähmchen. Im Mittelwandbetrieb muss ich vorgeprägte Platten aus altem Wachs ausbauen, die Drohnenbauwaben sind auf ein bis zwei Rahmen beschränkt. Damit entsteht eine Ordnung, die der Mensch offensichtlich schätzt: hier Arbeiterinnenbau, da Drohnenbau. Der Wabenbau, der von uns selber im Naturbau gestaltet wird, hat seine eigenen Gesetzmässigkeiten. Zuerst werden die Waben in einer Halbkugel nach unten errichtet. Und bis diese Wabenhalbkugel die Hälfte des Brutraumvolumens ausfüllt, besteht sie ausschliesslich aus Arbeiterinnenbau. Das ist und bleibt immer das Zentrum unseres Wabenkörpers. Auf den mittleren der ersten Waben wird auch sofort die erste Brut angelegt. Im Zentrum befindet sich somit die meistbebrütete Wabe. Gegen aussen folgen Waben, die später in die Brut einbezogen werden. Der Duft der stark bebrüteten Waben weist uns das Zentrum. Dieses Zentrum wird als erste Wabe überhaupt und in jedem Jahr wiederbebrütet und als letzte im Winter aufgegeben. Nach dem Duftgefälle der Brut können wir uns im Dunkeln orientieren. Doch der Brutraum wird auch in die unteren und äusseren Waben erweitert. Da werden neben den Arbeiterinnenwaben auch Drohnenbauwaben angelegt, damit wir im Frühling unsere Brüder einbetten können. So haben wir im Idealfall auf jeder Wabe etwas Drohnenbau, am wenigsten auf den mittleren Waben. Die Drohnen werden vorzugsweise unten, aussen und fluglochfern grossgezogen. Wir fühlen uns wohl, wenn wir etwa 15–25% des gesamten Wabenbaues mit Drohnenbauwaben anlegen können. Das ist unsere Brutnestordnung und diese macht auch Sinn, denn so ist der Arbeiterinnenbau aussen immer von etwas Drohnenbau umgeben. Die Drohnenbrut bildet in der Vollentwicklung eine Schale, in der die Arbeiterinnenbrut eingebettet ist. Das macht Sinn für den Wärmehaushalt, den Notvorrat und den Schutz der Arbeiterinnenbrut. Die Drohnenbrut bildet einen Puffer zwischen der Arbeiterinnenbrut und der Umwelt. Ein selbst erstellter Wabenbau ist anstrengend, doch diese Fähigkeit ist Teil unseres Lebens, das können wir und machen es gerne. Aus unserer Sicht sind Mittelwände so etwas wie Prothesen, und das trägt niemand freiwillig, wir bevorzugen unseren eigenen Körper.»

Martin Dettli führte diesen Diskurs mit dem Bienenvolk.