«Mein Bienenvolk,

wie geht es Dir im Juli?»

«Es ist mir nicht entgangen, dass die Tage wieder kürzer werden. Das ist für uns der Wendepunkt. Die Zeiten des Wachstums des Bienenvolkes, die damit verbundene Vermehrungszeit und die Ausdehnung des Brutnestes für die grossen Völker sind abgeschlossen. Jetzt kommt die Ausrichtung auf die absteigende Jahreszeit. Nach und nach wird in den nächsten Monaten auch die Menge unserer Bienen so zurückgehen, dass sie eine überwinterungsfähige «Kleinheit» erreicht. Diesen Stimmungswechsel haben die alten Imker gut beobachtet und es so formuliert: ‹In des Jahres Mitten, da rüstet der Bien den Winterschlitten.› In dieser Abbauphase benötigen wir bei einer imkerlichen Bienenhaltung immer noch viel Aufmerksamkeit, auch wenn ich weiss, dass die Menschen wesentlich mehr Hingabe und Freude haben am Spriessen und Wachsen als am Reifen und Abbau.»

«Wir haben im April gesagt, wir würden in diesem Monat ausführlicher über die Varroamilbe diskutieren.»

«Mein lieber Mensch, das ist ein schwieriges Thema, denn hier gehen die Interessen des natürlichen Bienenvolkes und des Menschen und seiner Bienenhaltung am weitesten auseinander. Hier sind die Einschätzungen und Interessen grundverschieden. Kannst Du mir zu diesem Thema einfach mal zuhören, ohne Zwischenrufe und Kopfschütteln? Das Bienenvolk ist ein äusserst anpassungsfähiges Wesen, das haben wir immer wieder bewiesen. Es gab und gibt viele Veränderungen in der Natur, wir sind immer durchgekommen. Es gibt nicht so schnell Probleme, an denen wir zugrunde gehen müssten. Heute ist die Varroamilbe in jedem Bienenvolk, man kann sagen, die Milbe ist ein Teil von unserem Organismus. Bei dieser engen Beziehung ist es unumgänglich, dass wir uns aneinander anpassen. Wenn wir als Bienenvolk unter naturnaher Lebensweise mit Varroamilben konfrontiert werden, lernen wir mit diesem Tier zu leben. Es braucht dafür aber die volle, uneingeschränkte Freiheit der Auseinandersetzung. An verschiedenen Orten ist dieser Prozess der Entwicklung eines Zusammenlebens schon fortgeschritten und es hat sich gezeigt, dass die Anpassung innerhalb einiger Jahre möglich ist. Das kann dann mit Verlusten verbunden sein, für uns ist jedoch ungemein wichtig, dass dieser Prozess zugelassen wird. Doch wohlgemerkt, es braucht dazu gewisse Bedingungen. Schauen wir doch einmal darauf, was heute passiert. Jedes Jahr kämpft die Imkerschaft gegen die Milben. Sie verwendet Substanzen, welche für Mensch und Tier problematisch sind. Sie führt Behandlungen durch, unter denen wir als Bienenvolk und die ganze uns begleitende Kleintierwelt leiden. Und was wird erreicht? Die robustesten Milben überleben und finden eine Situation vor, in der sie sich uneingeschränkt vermehren können. Weil die meisten Milben weggeputzt wurden, kommen die überlebenden in eine ungehinderte Vermehrungsdynamik, welche uns fast überrennt. Das zieht sofort wieder eine Behandlung nach sich und so beginnt ein Teufelskreis. Mit dem Verhindern der Anpassung wird dem natürlichen Geschehen so entgegengewirkt, dass diese alljährliche Dynamik immer neue Belastungen nach sich zieht. Unsere gesundheitlichen Probleme werden damit verschärft!Ich habe in den vergangenen 30 Jahren erlebt, dass der Mensch die Art und Weise der Milbenbekämpfung weiterentwickelt hat, und das wird er wohl auch weiter tun. Doch immer bleibt der Blick auf den Feind Varroamilbe gerichtet. Ein weitblickender Umgang mit dem Problem beruht auf dem Vertrauen, dass wir diese Herausforderung selber anpacken müssen. Dafür nehme ich auch gerne Unterstützung an. Eine Unterstützung, die sich aber nicht auf das Abtöten der Milben konzentriert, sondern auf eine Förderung der Kräfte des Bienenvolkes. Ich wünsche mir eine Unterstützung meiner Anpassungsfähigkeit. Dazu gehört auch die Bereitschaft mal zu untersuchen, was es für Bedingungen braucht, um die Anpassung zu ermöglichen oder zumindest zu erleichtern.»

«Ich verfolge Berichte und Forschungen über Varroaresistenz und -toleranz an verschiedenen Orten in Europa und finde es faszinierend, wie unterschiedliche Abwehrstrategien entstehen. Doch kommen wir zurück zur Schweiz, sollen wir jetzt einfach aufhören zu behandeln?»

«Für diese Anpassung benötigen wir als Bienenvolk natürliche Bedingungen und eine naturnahe Haltung. Was es genau dazu braucht, dass müsst ihr Menschen schon selber herausfinden. Wir haben im Februar über mein Leben als Bienenvolk unter natürlichen Bedingungen gesprochen und diesem haben wir das Leben unter imkerlicher Betreuung gegenübergestellt. Diese natürlichen Bedingungen liegen demnach nur teilweise in der Hand des imkerlich tätigen Menschen. Wenn ich in der Schweiz als Schwarm 500Meter wegfliege, gelange ich nicht in ein neues Gebiet, das ich als Bienenvolk erschliessen kann, sondern ich bin dann schon beim nächsten Bienenstand mit 10 Völkern. Die Schweiz ist dicht bevölkert, mit Bienen und mit Menschen. In einer ursprünglichen Naturlandschaft finde ich in meinem Flugkreis keine Bienenvölker, in der Schweiz sind das auf den fruchtbaren und besiedelten Flächen über 100 Völker innerhalb des alltäglichen Flugbereiches. Schon diese Bienendichte schafft eine unnatürliche Situation, denn es entsteht ein grosser Austausch unter uns Bienenvölkern. Der gegenseitige Austausch von Varroamilben ist ein Problem sowohl für die Bienen als auch für den Imker. Ein Zuflug von Milben würde die Auseinandersetzung mit der Milbe so stören, dass die Anpassung gefährdet wäre. Zudem hat eine Anpassung bisher nicht stattfinden können, weil damit andere Ziele der imkerlichen Bienenhaltung gefährdet wären wie die Bestäubungsleistung für die Landwirtschaft und die Bereitstellung meiner Bienenprodukte.»

«... und was heisst das konkret?»

«Es heisst, dass ich als Bienenvolk die Varroabehandlung in diesem schweizerischen Umfeld erdulden muss. Diese möchte ich aber nicht als Kampf gegen die Milben sehen, sondern als Regulierung. Diese setzt eine regelmässige Beobachtung rund um das Bienenvolk voraus. Die Imkersleute sollen auf dem Laufenden sein, wie es mit jedem Volk auf dem Stand in Bezug auf die Milben steht. Mit verschiedenen Methoden der Varroadiagnose kann man Anzeichen von überhandnehmenden Milben verfolgen und dementsprechend handeln. Alle Behandlungen sind unangenehm! Deshalb bitte: so viel wie nötig und so wenig wie möglich! Um aber auf meine vorherigen Ausführungen zurückzukommen. Es ist mir ein Anliegen, dass die Bienenhaltung ohne Varroabehandlung eine Vision ist, eine Hoffnung für die Zukunft. Es gilt aber, sich bewusst zu werden, dass dies eine andere Art der Bienenhaltung erfordert und ich vertraue auf die Findigkeit der Menschen, dass sie mir bei diesem wichtigen Prozess die nötige Unterstützung bieten können.»

Martin Dettli führte diesen Diskurs mit dem Bienenvolk.