«Mein Bienenvolk,

wie geht es Dir im Februar?»

 

«Im Februar bin ich wieder etwas aktiv. Noch muss ich aber nicht mit voller Kraft anpacken. Auch wenn die Landschaft draussen noch nach Winterruhe aussieht, bei uns im Innern weicht diese Ruhe einer lockeren Beschäftigung. Wir müssen der Jahreszeit immer etwas voraus sein und unsere Aufmerksamkeit ist auf die kommende Blütenzeit ausgerichtet. Den frühen Einstieg dürfen wir nicht verschlafen, aber wir können auch nicht eine Brutentwicklung forcieren, die wir dann nicht durchziehen können. Die Brutfläche ist von einer Grösse, welche gänzlich innerhalb der Wintertraube geborgen ist. Damit erfordert die Erhaltung der Brutwärme noch keine grossen Anstrengungen. Wir stimmen uns rechtzeitig auf die warme Jahreszeit ein, auch wenn von draussen kaum richtige Blühimpulse hereindringen.»

 «Wir Imker würden gerne dein Leben in der Natur verstehen, um dir gezielter helfen zu können. Was kannst du uns dazu sagen!»

«Dazu müssen wir in die Zeit zurückblicken, in welcher der Mensch und das Bienenvolk so nebeneinander gelebt haben, dass jeder vom andern unabhängig war. Wir Bienenvölker haben Höhlungen in Bäumen gesucht, vielleicht unter Felsvorsprüngen. Die Natur hat uns immer Möglichkeiten geboten, die uns Schutz und Hülle boten. Doch die Suche nach einer geeigneten Bienenwohnung war eine ebenso grosse Herausforderung im Verlaufe eines Volkslebens wie die Versorgung mit Nahrung und deren Lagerung. Diese beiden Fähigkeiten waren entscheidend fürs Überleben. Wir, als Gemeinschaft aller Bienenvölker, haben bei der Überwindung dieser Schwierigkeiten Fähigkeiten entwickelt, welche noch immer unsere Stärke sind. Wir bewältigen diese grossen Herausforderungen mit intensiver Kommunikation und Zusammenarbeit innerhalb des Organismus ‹Bienenvolk›. Und mit diesen Fähigkeiten können wir uns auch allen andern Herausforderungen stellen, welche uns die Natur immer wieder geboten hat und weiterhin bietet. Brutkrankheiten wie auch Parasiten hat es schon immer gegeben. Die ständige Anpassung an wandelnde Umweltbedingungen gehört ebenso zu unserem Kerngeschäft. Wie der Mensch haben wir das Rüstzeug, um uns mit Problemen aller Art zu arrangieren und uns überall hineinzupassen.»

«Welches sind die Unterschiede zwischen dem damaligen Leben in der Natur und dem heute vom Imker betreuten Leben?»

«Ich muss da Unterscheidungen machen, das Bienenleben in Mitteleuropa war ein anderes vor 100 Jahren und nochmals ein anderes vor 10 000 Jahren. Landschaft und Landwirtschaft haben Veränderungen durchgemacht, gerade in den letzten hundert Jahren. Das ist prägend für unser Bienenleben, doch davon ein andermal mehr. 

An dieser Stelle möchte ich auf den Unterschied blicken zwischen unserem oben geschilderten natürlichen Leben und dem Leben in der Obhut des Imkers. Da hat sich doch einiges geändert und dies in einer Zeitspanne, in der noch keine Anpassung möglich war. Bei der oben geschilderten Art von selbst gesuchter Wohnung hatten wir kaum eine enge Nachbarschaft zu andern Bienenvölkern, schon gar nicht, dass wir ganz nah und mit mehreren Bienenvölkern zusammenwohnten. Dieses Zusammenleben ist für uns neu und ungewohnt. Es geht nicht darum, zu klagen und dieses System zu verurteilen. Doch es ist einfach wichtig im Bewusstsein zu haben, dass dies für uns eine unnatürliche Situation ist und dass durch diese Art der Aufstellung auch einige Zusatzbelastungen auftreten.

Es entstehen Fragen von nachbarschaftlicher Beeinflussung, wie Raub und Verflug und eine erhöhte Abwehrbereitschaft. Das sind Herausforderungen für uns aber auch Zusatzarbeiten für die Menschen, welche die Bienen betreuen. Viele Arbeiten rund um unsere Gesundheit und dem gegenseitigen Schutz sind anspruchsvoller, wenn wir zu zehnt gemeinsam auf einem Stand stehen.»

«Wie sieht eine optimale Pflege des Bienenvolkes aus?»

«Sprechen wir jetzt von einer optimalen Pflege für mich als Bienenvolk oder von der optimalen Pflege von uns innerhalb der imkerlichen Bienenhaltung? Diejenige Pflege, welche uns und unserer Natur entgegenkommt, ist rasch beschrieben: Das reine Überleben des Bienenvolkes kann mit einer guten Beobachtung und wenigen Handgriffen im Jahr bewältigt werden. Viele der Arbeiten, die der Mensch als imkerliche Tätigkeiten bezeichnet, sind Folgearbeiten der Bienenhaltung, wie der Mensch sie betreibt. Das gilt es im Auge zu behalten, wenn der Mensch grosszügig von unserer Betreuung spricht, von der ‹Pflege des Bienenvolkes›. Die Raumerweiterung dient letztlich der Honigernte, die Schwarmverhinderung oder der Schwarmfang entspringen nicht dem Bedürfnis des Bienenvolkes, sondern dem Imker und der Imkerin, welche die Bienen behalten wollen, ebenso die ganzen Arbeiten rund um die Honigernte und die darauf folgende Auffütterung und die Varroabehandlung ... Alles im Sinne und mit der Zielsetzung der Bienenhaltung in den Händen des Menschen. Die selbstlose Förderung der Natur des Bienenvolkes würde unter ganz andern Blickwinkeln erfolgen. Doch es geht in unserem Gespräch um die imkerliche Bienenhaltung, wie ich diese als Bienenvolk heute erlebe. Und es gehört zu der angetönten engen Beziehung von Mensch und Bienenvolk, dass wir gemeinsam weiterkommen. Der Mensch soll von unseren Bienenprodukten bekommen, für seine Gesundheitspflege und seine Entwicklung.
Umgekehrt freue ich mich, wenn ich als Bienenvolk verstanden werde und vermehrt die Möglichkeiten erhalte, mein Leben in meiner eigenen Art und Weise zu entfalten, das heisst, dass wo immer möglich auf meine innere Natur und meine angeborenen Fähigkeiten Rücksicht genommen wird.»  

Martin Dettli (dettli@summ-summ.ch)