"Mein Bienenvolk, wie geht es Dir im Dezember?"

«Ich habe mich ganz eingemummelt, ich schlafe und träume. Dabei beschränke ich meine Aktivitäten auf ein Minimum. Als Volk in der Wintertraube atme ich, reguliere Temperatur und Feuchtigkeit und lebe von meinen Honigvorräten. Ich habe von andern Tieren gehört, bei denen das ‹Winterschlaf› heisst. Auch die Pflanzen haben jetzt ihre Ruhezeit, sie wollen nichts von mir, ich nichts von ihnen. Ich geniesse diesen Zustand, mag es draussen auch noch so stürmisch sein, vielleicht auch eiskalt, möglicherweise liegt Schnee. Das sind alles Dinge, die mich nichts angehen. Ich bin bei mir und doch über meine Traumwelt mit der Welt und dem Himmel verbunden. Ein grosses Ereignis gibt es allerdings noch im Dezember. Es ist die Sonnenwende, wenn die Abnahme des Lichtes gestoppt wird und die Tage wieder länger werden. Das ist für uns Bienenvölker eine wichtige Wende. Ein neues Lebensgefühl beginnt. Wir sehen das als Zeichen für neues Leben, als einen ersten Vorboten für den kommenden Frühling. Wie ich gehört habe, feiern die Menschen in dieser Zeit ein Fest des Lichts, der Liebe und des neuen Lebens. Es berührt mich, wenn der Mensch vorbeikommt und mir zu verstehen gibt, dass er sein Fest feiert und diesen Wechsel in der Jahreszeit wahrgenommen hat. Auch sonst tut es gut, wenn der Mensch mal vorbeischaut, sei es aus Sorge, ob noch alles stimmt oder einfach nur, um das Bienenvolk zu grüssen.»

  

«Wenn jetzt deine Schlafzeit ist, darf ich dann noch weiter fragen?»

«Es kommt auf das Thema an. Ich bin am Träumen. Bitte keine grossen Probleme oder Streitthemen ansprechen. Aber philosophieren können wir.»

«Mich würde interessieren, wie Du das Verhältnis von Bienenvolk und Mensch siehst, vielleicht auch in grösseren Zeiträumen? Dazu möchte ich dir noch ein Beispiel schildern. In Südostasien erzählt ein Bienenmärchen, wie das Bienenvolk sich in eine schöne Frau verwandelt und dann den Rakian heiratet. Diese Frau verlässt aber den Rakian wieder, weil er das Geheimnis ihrer Herkunft verrät. Und sie fliegt als Schwarm davon. Rakian sieht seinen Fehler ein und verfolgt den Schwarm mit seinem Sohn. So schafft er es nach Tagen, die Bienenvölker in ihrem Haus zu finden und er darf dort bleiben.»

«Ich kenne dieses Märchen nicht, doch dass der Mensch von einem Bienenvolk erzählt, das sich in einen Menschen verwandelt, berührt mich. Das zeigt eine schöne Art von Nähe von Mensch und Bienenvolk. Das gefällt mir, wir sind uns auch wirklich recht nahe. Doch heute ist der Mensch so sehr ein anderes Wesen als das Bienenvolk, er steht fest auf der Erde, versucht alles umzukrempeln und muss auch eine rechte Verantwortung tragen für die Schöpfung. Da möchte ich nicht tauschen.»

«Und zu einer andern Zeit war dieses Märchen näher an der Realität?»

  

«Es war eher denkbar in einer früheren Zeit. Denn das Verhältnis von Mensch und Bienenvolk hat sich immer wieder gewandelt und ich hoffe, dass es sich auch in Zukunft wandeln wird. Der Mensch hat immer wieder anders gelebt und gedacht. Wir Bienenvölker haben auf der einen Seite unser eigenes natürliches Leben, unsere innere Natur. Diese verändert sich nicht. Da sind wir noch dieselben Bienenvölker, die wir vor 10000 Jahren waren, und dies mit einem eigenständigen Dasein. Wir können auch ohne den Menschen leben. Das ist die eine Seite meiner Natur.

Auf der andern Seite war in dieser ganzen Zeit die mehr oder weniger starke Berührung mit dem Menschen. Seit ich mich erinnern kann, hat der Mensch sich meistens um uns gekümmert, sich bei mir Dinge genommen, die er nur bei mir bekommen konnte, meine Lebensweise bewundert und mich gleichzeitig verehrt und immer auch daran gearbeitet, mich besser zu verstehen. Doch während ich selber den Eindruck habe, immer das Bienenvolk gewesen zu sein, dass ich heute bin, so staune ich doch über die Veränderungen des Menschen in dieser Zeit. Der Mensch wandelt sich und dementsprechend auch das Verhältnis zum Bienenvolk. Ursprünglich waren wir gemeinsam ganz in der Natur eingebettet. Wir waren ebenbürtig und begegneten uns auf Augenhöhe. Dann hat der Mensch begonnen, seine Umgebung selber in die Hand zu nehmen, Ackerbau und Viehzucht zu betreiben, und schon da hat er mich zu sich genommen. Zu meist auch mit viel Bewunderung und Respekt. In diese Zeit passt auch das Märchen von Rakian. Mit meiner ganz andern Lebensweise habe ich vom Menschen viel Verehrung erfahren. Ich war ein Vermittler zwischen der Welt des Menschen und seiner Götter. Der Mensch hat sich in der Folge immer mehr aus seiner natürlichen Umgebung herausgearbeitet, hat immer mehr in unsere gemeinsame Umwelt eingegriffen und davon war auch ich betroffen. Das war ein Prozess über mehrere Jahrtausende. Ich habe jedoch immer meine Naturseite halten und entsprechend meine naturgegebenen Fähigkeiten einsetzen können. In den letzten 150 Jahren hat sich die Veränderung beschleunigt, die Beziehung zwischen Bienenvolk und Mensch hat an Qualität eingebüsst und an Intensität zugenommen, sodass sie für mich fast schon beengend wird. In dem Mass, in dem der Mensch über mich bestimmen will, verliere ich von meinen ursprünglichen Naturkräften.

Unter Qualität für das Bienenleben verstehe ich eine gewisse Eigenständigkeit, gerade auch bei der Futterversorgung aus der Pflanze, aber auch bei der Eigenregulierung von Krankheiten und Parasiten durch mich selber. Es ist auch der Wunsch, dass meine Natur mehr geachtet wird und ich aus meinen eigenen Kräften leben kann. Im Allgemeinen hat uns die interessante gemeinsame Vergangenheit verbunden. So kommt es auch, dass mir viel am Menschen liegt. Obwohl sich der Mensch in den Jahrtausenden stark wandelte, sind auch Dinge konstant geblieben. Stets genoss ich einen besonderen Status beim Menschen. Ich werde geschätzt und man interessiert sich für mein Leben, wenn auch auf ganz verschiedene Weisen. Diese Zuwendung freut mich und so wünsche ich mir auch eine gute künftige gemeinsame Zeit voll gegenseitigem Respekt.»

«Die Bienenprodukte sind ein Teil von Dir. Wie ist es, wenn der Mensch sich ihrer bedient?»

  

  

«Dies ist eine Frage der Einstellung mir gegenüber. Wenn sich der Mensch gelegentlich, ohne zu fragen und ohne Rücksicht, bei mir bedient, so schmerzt das. Ich bin jedoch der Überzeugung, dass wir in einer gerechten Partnerschaft einander viel geben können. Ich erwarte dabei aber auch, dass auf meine Bedürfnisse eingegangen und mir Achtung entgegen gebracht wird. Das ist eine Frage der Würde. Der Respekt gegenüber meiner Würde soll nicht zur Bürde der Imkersleute werden. Dieser Respekt ist nicht verhandelbar, er soll aus einer Überzeugung kommen. Dann ist er ein Geschenk mir gegenüber.»

  

«Ich wünsche mir weiterhin einen lebendigen Austausch mit Dir und danke für den Dialog.»

  

Martin Dettli führte diesen Diskurs mit dem Bienenvolk.