«Mein Bienenvolk,

wie geht es Dir im August?»

«Der August ist für mich der Monat des Wechsels, der Aufbau zum Wintervolk wird angegangen. Die Bruttätigkeit wurde eingeschränkt und die Bienenmasse nimmt langsam ab. Doch der Sammeleifer ist unvermindert hoch, noch haben wir nichts eingebüsst von unserer Fähigkeit, die Sammlerinnen rasch zu mobilisieren, um unsere Vorräte zu ergänzen. Doch in der Kulturlandschaft geht es jetzt nur noch ums Ausreifen. Die Blühimpulse der Pflanzen waren in einer anderen Zeit. Ursprüngliche Naturlandschaften mit Feuchtgebieten und Auen hätten da noch etwas mehr Trachtpotenzial. Diese würden mir erlauben, meinen Vorrat zu halten und nicht von den Wintervorräten leben zu müssen. Über die fehlenden Blühimpulse habe ich schon geklagt. Das lassen wir jetzt.In diese Zeit – vielleicht schon etwas früher – fallen für die Imkerin oder den Imker «ihre» Schlussernte. Grundsätzlich ist es für mich immer mit einem Schrecken verbunden, wenn ich bemerke, dass meine Futterkappe weg ist, der Vorrat über mir geplündert wurde. Denn der Vorrat ist Teil des Bienenvolkes, er ist Schutz und Sicherheit. Wenn ich der Imkerin oder dem Imker empfehlen kann, wie sie/er ernten soll, dann wünsche ich mir, dass es so sanft und unauffällig geschieht, dass ich es kaum bemerke. Hier kann die Bienenflucht helfen oder die Wahl eines Zeitpunktes mit wenig Bienenflug, der frühe Morgen beispielsweise oder der Abend. Am unangenehmsten ist es, wenn es zum offenen Kampf um das wertvolle Gut kommt.»

«Und wie soll ich dann auffüttern ...»

«Es ist wichtig, dass ich rasch wieder zu meiner Futterkappe komme. Doch ich würde mir auch etwas Einfühlungsvermögen gegenüber dem Bienenvolk wünschen. Ich bin ein Tier mit einer aussergewöhnlichen Wahrnehmung in Bezug auf Geruch und Geschmack. Ich kann sehr wohl zwischen Honig und Zuckerwasser unterscheiden. Als minimale Forderung gehört für mich dazu, dass der Mensch diesen Wahrnehmungsempfindungen Rechnung trägt und das Futter so aufbereitet, dass es auch gut riecht und schmeckt. So wie der Mensch auch seine Nahrung für seinen Geschmack aufbereitet und würzt. Diese Aufmerksamkeit wünsche ich mir auch. Dem Futter kann zur Geschmacksverbesserung etwas Blütentee beigemischt werden, ein Geruch, welcher uns vertraut ist und auch etwas Honig. Auch wenn es nur wenig ist. Honig wirkt für das Bienenvolk wie für den Menschen auch in kleinen Mengen belebend und gesundheitsfördernd.»

«Von der Honigbeifütterung wird abgeraten, weil das die Räuberei fördern soll.»

«Es ist klar, dass wir verstärkt auf eine Honigbeifütterung reagieren. Das zeigt nur den Wert, den wir dem Honig beimessen! Doch – und ich muss mich in dieser Hinsicht wiederholen – die Räuberei ist nicht ein Grundproblem des Bienenvolkes, sondern eines der imkerlichen Bienenhaltung mit einer Aufstellung von vielen Völkern auf engem Raum. Von Natur aus suchen wir nicht die Nähe anderer Völker. Mit enger Nachbarschaft steigt eben das Räubereirisiko, insbesondere dann, wenn die Völker nicht gut begleitet werden. Das geschieht vor allem, wenn bei einer unsauberen Arbeitsweise offenes Futter für alle dargeboten wird. Unter einer guten Begleitung verstehe ich auch, dass Beeinträchtigungen wie Königinnenverlust oder gesundheitliche Schwächen erkannt und entsprechende Gegenmassnahmen eingeleitet werden.Der Ausbruch von Räuberei hängt auch mit der unnatürlichen Situation zusammen, die durch eine Futtergabe ausgelöst wird. Es ist absolut trachtlos und von einem Moment auf den andern melden die ersten Spurbienen per Rundtanz: «Es gibt viel, viel Futter in unmittelbarer Umgebung». Sie können nicht melden: «Oben im Futtergefäss». Also strömen Tausende von Bienen aus dem Flugloch, um diesen Segen zu suchen. Draussen fragen sich diese dann: «Wo? Wo? Wo?» und dringen in die feinsten Winkel vor. So auch in schwache Völker. Der Ausbruch einer vollen Räuberei ist in der Tat eine unangenehme, schwierige Erscheinung. Und klar, das hat es unter natürlichen Bedingungen auch gegeben. Die Vorräte von lebensuntüchtigen oder abgestorbenen Völkern konnten auf Distanz beerbt werden.»

«Ich würde gerne noch eine andere Grundfrage der Imkerei ansprechen. Hans Wille, ehemaliger Leiter des ZBF, hat über seine Populationsschätzungen festgestellt, dass der grösste Einfluss auf die Volksgrösse vom Standort ausgeht. Gemäss den Forschungen über den Massenwechsel haben der Imker und seine Handlungen, aber auch der Bienenkasten sowie die Zuchtbemühungen kaum Einfluss auf die Anzahl der Bienen im Kasten. Der Standort hat damit einen entscheidenden Einfluss für den Erfolg oder Misserfolg einer Imkerei.»

«Der Standort ist für das Bienenvolk ein ganz wichtiger Faktor. Wir fühlen uns nicht überall gleich wohl. Und das hängt nicht nur von der Umgebung ab, sondern auch vom Ort, an dem unsere Behausung steht. Das kann sich sogar innerhalb von wenigen Metern ändern. Es gibt Wohlfühlstandorte und Orte, mit denen wir Bienenvölker uns nie so richtig anfreunden können. Klar, wir sind ursprünglich ein Waldtier, wir lieben die schützende und ausgleichende Wirkung des Waldes oder auch von Siedlungen, immer zusammen mit einer guten Sonnenbestrahlung. Wir mögen den Wind und die Kälte nicht. Aber diese allgemeinen Standortregeln können unsere optimalen Standortbedürfnisse nie voll erfassen. Der gute Standort bleibt deshalb eines unserer Geheimnisse. Da gelingt auch uns nicht immer die optimale Wahl, da wir einfach eine passende Wohnung und nicht immer den idealen Standort suchen. Doch es ist klar, ein Bienenvolk lebt an einem guten Standort nicht nur besser, es bildet grössere Völker, sammelt mehr Honig und ist in der Regel auch gesünder! Ein guter Standort ist folglich ein wesentlicher Erfolgsfaktor auch für die Imkerschaft. Ich erzähle dies hier und jetzt, weil es für alle Imker wichtig ist, immer wieder nach neuen Standorten Ausschau zu halten. Sich dabei in das Bienenvolk hineinzuversetzen und zu fragen: Möchte ich hier als Bienenvolk leben? Von der Bienendichte her, vom Trachtpotenzial, insbesondere aber vom Kleinklima und den eher intuitiven Faktoren des Unerklärlichen. Es lohnt sich dann auch, mal im Februar hinzugehen und zwei, drei Probevölker aufzustellen, bevor man einen ganzen Stand verschiebt.»

 

Martin Dettli führte diesen Diskurs mit dem Bienenvolk.